Ein Blick durch den Sucher verrät mir oft mehr über mich selbst, als über die Welt vor meiner Linse.
All das fängt schon viel früher an, nämlich sobald ich die Kamera aus der Tasche nehme.
Zugegeben, ich nehme die Kamera manchmal einfach so heraus um sie in der Hand zu wiegen, am Zoom und Schärferad zu drehen und die Situation zu erwarten, die ich anzulocken versuche. Aber meistens nehme ich sie nur heraus, wenn ich selbst etwas Interessantes für wertvoll genug befinde, das ich in der Zeit einfrieren will.
Dann nehme ich sie hoch, presse Sie mir unbewusst an mein “besseres”, linke Auge, wähle den Ausschnitt, fokussiere und frage mich ob ich alles richtig eingestellt habe.
Dann drücke ich ab.
Das Klackern und den satten Spiegelschlag emfpinde ich sehr angenehme Geräusche. Etwas neues ist entstanden. Komponiert durch die Welt, betrachtet durch meine Augen, festgehalten durch meinen Entscheidung abzudrücken. Bereit von mir bearbeitet oder gelöscht zu werden.
Das Bild ist im Kasten und es war mein eigener Moment, den ich nun anderen verfügbar machen kann.
Fotografiere ich eine Landschaft, ein Ding oder sehr enge Freunde und meine Familie fühlt sich der Vorgang irgendwie harmonisch an. Eingebettet und normal. Dann freue ich mich über ein schönes Portrait, eine scharfe Abbildung einer interessanten Textur oder eine ungewöhnliche, kontrastreiche Umgebung. Ein gutes Gefühl.
Nehme ich jedoch einen Fremden ins Visier… nein… anders…
Versuche ich meine Kamera und damit meinen unverholenen Blick durch den Sucher auf jemanden zu richten, der nicht damit rechnet oder mich nur unzureichend kennt, habe ich immer das Bedürfnis mich vorher zu erklären. Der Person mitzuteilen, dass ich Ihr nicht wehtun will oder die Bilder zwar drehen, biegen, verändern und künstlerisch manipulieren will, aber niemals absichtlich mit den Bildern eine Abwertung der Person herbeiführen würde. Ich will es doch nur interessanter, nicht zwangsläufig schöner Gestalten, oder vielleicht den Inhalt visuell auf das elemtarste herunterbrechen, was ich darin zu sehen glaube. Ich wünschte ich könnte mich erklären ohne aufdringlich zu sein, doch meist fehlt mir der Mut.
Und in mir ist die Frage, ob ich mich überhaupt erklären muss. Moralisch betrachtet, nicht rechtlich.
Schiesse ich dann das Foto, fühle ich mich als wäre ich ein Spanner oder Dieb, der einen Moment stiehlt, der nicht mir gehört. Ich dringe in die Privatsphäre von jemand anderem ein, der nicht einschätzen kann was ich mit seinem Lebensmoment, seinem Portait und seiner Situation anstelle.
Meistens schiesse ich das Foto nicht.
Meistens presse ich dazu nicht mal mein linkes Auge an den Sucher.
Und manchmal hole ich nicht einmal die Kamera aus der Tasche, obwohl ich etwas Wertvolles entdeckt habe.
Ein Blick durch den Sucher verrät mir oft mehr über mich, als über die Welt hinter der Linse.